Umgang mit chronischer Scham
Du wachst auf, und es sitzt schon auf deiner Brust. Schwer. Noch bevor deine Füße den kalten Boden berühren, ist da dieses Ding, ehrlich, wie ein Stein im Schlafshirt. Vielleicht hast du gestern was gesagt, und jetzt klingt es schief nach. Oder es ist uralt. Irgendwas von vor zwanzig, dreißig Jahren, das dich um drei Uhr morgens noch immer zusammenzucken lässt, wenn der Kühlschrank summt und sonst alles still ist. Anna, 42, hat mir mal erzählt, sie könne sich an keinen Moment erinnern, in dem sie sich… sauber gefühlt hat. Nicht im wörtlichen Sinn. Eher so, als wäre in ihr irgendwo eine Schraube locker gewesen, die bei allen anderen fest saß, und alle hätten diese geheime Bedienungsanleitung fürs Menschsein bekommen, nur sie halt nicht. Sie hat eine ganze Karriere aufgebaut, zwei Kinder großgezogen, Freundschaften gehalten, ich meine, von außen sah alles ziemlich normal aus — und trotzdem fühlte sie sich wie eine Hochstaplerin im eigenen Leben. Das ist chronische Scham. Nicht Schuld wegen einer Sache. Sondern dieses nagende, klebrige Gefühl, dass mit dem, was du bist, irgendwas grundsätzlich nicht stimmt. Und ja, es macht müde. Auf eine Art, die man schwer erklären kann, außer jemand hat schon selbst um 2:17 Uhr an die Zimmerdecke gestarrt und dabei gedacht: was stimmt eigentlich nicht mit mir.
Aber dann. Hier ist, was mich überrascht hat, als ich anfing zu suchen, wirklich zu suchen, nicht nur halbherzig zwischen zwei Tabs und einem kalten Kaffee: Diese Art von Leiden ist uralt. Nicht neu. Lange bevor es Therapeuten gab, oder Selbsthilfebücher mit sanften Pastellcovern, oder Begriffe wie "Schamspirale" und "toxische Scham", haben Menschen mit genau diesem unsichtbaren Druck gelebt. Sie haben Spuren hinterlassen. Philosophen, Mystiker, Leute, die Dinge überlebt haben, bei denen einem schon vom Lesen schlecht wird. Keine Wunderwaffe, look, so ist es nicht. Aber Brotkrumen. Kleine Hinweise, die irgendwie noch immer was mit uns zu tun haben.
Du bist nicht der Erste, der das trägt
Stimmen durch die Zeit
Vier Stimmen. Über zweitausend Jahre verteilt. Ein Prinz, der alles hingeworfen hat, um Leiden zu verstehen. Ein Dichter, der Herzschmerz nicht nur kannte, sondern offenbar mit ihm am Tisch saß. Eine mittelalterliche Äbtissin, die den Körper nicht als peinliches Anhängsel sah, sondern als etwas Heiliges. Und ein Psychiater, der den Holocaust überlebte. Jeder von ihnen hatte, auf seine eigene schräge und sehr menschliche Weise, etwas zu dieser Schwere zu sagen, die wir mit uns rumschleppen — was sie bedeutet. Und was eben nicht.
"Du selbst, genauso wie jeder andere im gesamten Universum, verdienst deine Liebe und Zuneigung."
Buddha — 5. Jahrhundert v. Chr.
Lehren des Buddha
Das war nicht bloß so ein netter Kalender-Spruch vom Buddha. Ehrlich. Er sagte das zu Leuten, die wirklich glaubten, sie seien durch, verdorben, abgeschrieben — Ausgestoßene, Kriminelle, Menschen, bei denen die Gesellschaft schon innerlich die Tür zugemacht hatte. Und der Punkt war ziemlich radikal, finde ich: Das Mitgefühl, das du einem leidenden Kind geben würdest, mit dieser weichen Stimme und dem Glas Wasser in der Hand, right? Das gilt auch für dich. Scham flüstert uns ständig ein, dass wir die Ausnahme sind. Dass Freundlichkeit für alle anderen gedacht ist. Buddha sah das anders.
"Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt."
Rumi — Masnavi
Rumi hat Schmerz nicht hübsch angemalt. Das ist mir wichtig. Er hatte seinen geliebten Lehrer Shams verloren, und ich meine, das war keine kleine melancholische Verstimmung, das war Verwüstung, dieses Gefühl, als wäre jemand aus dem Zimmer gegangen und hätte die Luft mitgenommen. Aber er hat etwas bemerkt. Genau da, wo wir uns gebrochen fühlen, wo das Selbstbild Risse kriegt und anfängt zu splittern wie ein alter Badezimmerspiegel, entstehen manchmal Öffnungen. Nicht weil Leiden toll wäre, but still. Sondern weil dieses ganze So-tun-als-wäre-man-ganz ohnehin nie richtig funktioniert hat. Die Scham, die dich nackt und bloßgestellt fühlen lässt? Was, wenn genau dadurch noch etwas anderes reinkommt. Ich keep coming back to this idea, ehrlich, weil es so unbequem ist und trotzdem hängen bleibt.
"Sei nicht nachlässig im Feiern. Sei nicht träge im festlichen Dienst an Gott. Brenne vor Begeisterung. Lasst uns ein lebendiges, brennendes Opfer vor dem Altar Gottes sein."
Hildegard von Bingen — Scivias
Hildegard schrieb das im 12. Jahrhundert. Damals wurde der Körper oft behandelt wie etwas Peinliches, etwas, das man kleinhalten oder überwinden sollte, als wäre Fleisch an sich schon verdächtig. Und sie? Sie hat sich dagegen gestemmt. Heftig, wirklich. Für sie war lebendig sein — ganz, körperlich, mit Puls, mit Atem, mit heißem Gesicht und müden Beinen — schon eine Form von Anbetung. Scham will meistens, dass wir uns kleiner machen. Weniger auffallen. Am liebsten ganz verschwinden, wie jemand, der auf einer Party plötzlich aufs Handy schaut, nur damit niemand ihn ansieht. Hildegard sagt im Grunde das Gegenteil: Brenn. Nimm Raum ein. Deine Lebendigkeit ist kein peinlicher Fehler, für den du dich dauernd entschuldigen musst.
Frankl schrieb das, nachdem er Auschwitz überlebt hatte. Allein dieser Satz bleibt einem im Hals hängen. Er sah, wie Scham Menschen kaputtmachen kann — Wächter, die Demütigung wie ein Werkzeug benutzten, Gefangene, die das irgendwann so tief schluckten, dass sie innerlich aufgaben. Aber, und hier ist was mich daran festhält, er sah auch noch etwas anderes. Bedeutung ließ sich nicht wegnehmen. Die Scham, die andere dir aufdrücken. Die Erniedrigung. Diese Versuche, einem die Menschlichkeit von der Haut zu ziehen. Nichts davon hat ausgelöscht, was ein Mensch in Wahrheit war. Was du erlebt hast, gehört dir. Und Scham versucht ja genau das, I mean, sie will dich dazu bringen, die eigene Geschichte anzuzweifeln, umzuschreiben, wegzuschieben. Frankl hat sich geweigert.
"Niemand kann dir nehmen, was du erlebt hast. Nicht nur unsere Erfahrungen, sondern auch alles, was wir getan haben, welche großen Gedanken wir auch gehabt haben, und alles, was wir gelitten haben—all das ist nicht verloren."
Viktor Frankl — Österreichischer Psychiater, 1905–1997…trotzdem Ja zum Leben sagen
Was sie verbindet
Was sie alle verstanden
Was durch all diese Stimmen läuft, ist keine Verleugnung von Schmerz. Gar nicht. Keiner von ihnen kam mit so einem flachen "denk einfach positiv" daher oder mit "Scham ist nur in deinem Kopf", als könnte man das mit einem Spaziergang und genug Wasser wegwischen. Sie wussten es besser. Und das ist, honestly, der Teil, der hängen bleibt. Jeder auf seine Weise hat etwas erkannt: Scham lügt über etwas Grundsätzliches. Sie erzählt dir, dass du auf eine besonders einsame Art falsch bist. Dass du rausfällst. Aus Mitgefühl, aus Lebendigkeit, aus Sinn. Aber diese Leute hatten zu viel gesehen, um das noch zu glauben. Der Prinz, der bei den Unberührbaren saß. Der Dichter, der in Brüchen noch etwas offen sah. Die Äbtissin, die den Körper feierte, obwohl ihre Zeit das nicht tat. Der Psychiater, der Menschen an ihrem schlimmsten Punkt sah und trotzdem nicht von Sinn abließ. Und ja, ich komme immer wieder auf diese Idee zurück: Sie sagen alle, in sehr unterschiedlichen Stimmen, fast stotternd durch die Jahrhunderte hindurch, dass du nicht das bist, was Scham aus dir machen will.
Bevor du gehst
Ein Moment für Dich
Anna hat immer noch schwere Tage. Natürlich. Die Scham verschwindet nicht einfach, nur weil jemand aus dem 13. Jahrhundert etwas Schönes über Wunden und Licht gesagt hat, so funktioniert das Leben leider nicht. Aber sie meinte mal zu mir, dass sich etwas verschoben hat, ganz leicht erst, kaum merklich — als ihr klar wurde, dass das nicht ihr persönlicher Defekt ist. Sondern ein menschlicher Kampf. Alt. Geteilt. Und irgendwie machte genau das das Gewicht weniger einsam, was komisch klingt, aber ich glaube, du weißt vielleicht, was ich meine. Ich keep coming back to this idea, dass Geteiltes nicht automatisch leichter wird, aber oft weniger still. Wenn du etwas Ähnliches mit dir herumträgst, dann können diese Stimmen vielleicht einen Moment neben dir sitzen. Nicht um dich zu reparieren. Nur so. Damit du merkst, dass diese Schwere schon andere gespürt haben, dass sie angeschaut wurde, benannt, durchdacht — und dass sie nicht der Beweis deiner Gebrochenheit ist. Eher ein Zeichen, dass du deinem eigenen Leben Aufmerksamkeit schenkst. Und das ist, look, schon eine Form von Mut. Wenn du tiefer reingehen willst, bietet InnerCalm+ geführte Reflexionen an, die auf denselben alten Perspektiven aufbauen — kleine Momente der Stille, um Raum zu halten für das, was du trägst.
Dieser Inhalt dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie mit psychischen Problemen kämpfen, wenden Sie sich bitte an einen qualifizierten Gesundheitsdienstleister.
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